Buchemotion zu „Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen“ von Ulla Scheler

21.11.2017

 

Hach, wie fange ich nur an, über dieses Buch zu schreiben... am besten, ich fange einfach an, zu erzählen. Darin bin ich gut, damit fühle ich mich wohl und damit komme ich am Ende vielleicht da an, wo ich eigentlich im Herzen hin möchte. Begleitet ihr mich? 

 

Ich bin ehrlicher Weise erst durch die Nominierung zum deutschen Literaturpreis 2016 auf dieses Buch aufmerksam geworden, doch der Klappentext hat mich gleich angesprochen. Er klang besonders - und ohne vorgreifen zu wollen, verspricht er dem Leser damit nicht zuviel. Lange gammelte der Titel auf der Wunschliste herum, der liebe SUB, ihr kennt das… doch irgendwie ließ es mich nicht los. Also habe ich dieses Jahr im Urlaub am Meer das Buch von der Wunschliste auf meinen Reader befördert und sofort weggelesen, in einem Rutsch. Das Setting am Meer hätte ich mir jedoch besser überlegen sollen… spontan würde ich empfehlen, dieses Buch nicht in Wassernähe zu lesen ;-) Und siehe da, sogar im Buch gibt es schon einen Hinweis auf besondere Orte zum Lesen: 

 

„Mir war immer bewusst, dass ein Ort lebenswichtig für eine Geschichte ist. Warum sonst bleiben wir beim Geschichtenerzählen sitzen, wenn es im Garten kalt wird und Stechmücken unter jede Lage Kleidung kriechen? Weil die Geschichte an diesem Ort ihre Macht hat.“

(Zitat Kapitel 34, Pos. 4480)

 

Zum Inhalt

Hanna und Ben sind beste Freunde, sie sind einander verbunden, dabei sind sie grundverschieden. Ben ist Straßenkünstler, er geht nachts sprayen, ist wild und ungestüm. Hanna hingegen ist stiller, in sich gekehrt, fast schon langweilig. Sie ist nicht schüchtern, aber introvertierter als Ben und wählt Worte und Taten mit Bedacht, während ihre Gedanken in meinen Augen manchmal irrwitzige Kapriolen schlagen. Ben ist der eine Mensch, der sie versteht, auch wenn sie oft nicht ausspricht, was sie sich am sehnlichsten wünscht. Und dann überredet Ben Hanna zu einer wilden Reise ans Meer. In der Hoffnung, an einem verwunschenen Strand mithilfe der Magie des Meeres endlich zu ergründen, was Ben tief im Herzen sagen will, wenn er es mit seiner lauten Art übertönt, lässt Hanna sich darauf ein. Doch diese Reise endet abrupt… 

 

„Du wartest nicht auf die Flut, aber sie kommt doch. Sie spült alles weg, was Du erschaffen hast. Sie macht alles neu. Und mit der Flut kommt der Sturm.“

(Zitat Kapitel 17, Pos. 2746)

 

Meine Meinung 

Ich fand den Einstieg mit Hanna etwas irritierend, da sie irgendwie so unentschieden ist, was sie will. Dabei hat sie im Grunde ein tolles Leben. Und sie hat Ben. Aber Ben verschließt sich ihr und sie wendet sich immer wieder von ihm ab, anstatt ihn damit zu konfrontieren. Ben kitzelt die aufkeimende Abenteuerlust aus Hanna heraus und bringt sie dazu, mit ihm zu kommen, obwohl sie zunächst nicht will. Beide haben sie etwas geheimnisvolles, etwas, das in ihnen schlummert und das man als Leser am liebsten aus dem Buch herausschütteln möchte. Dabei ist es zu keinem Zeitpunkt nervig, nein, vielmehr baut sich eine unglaubliche, unterschwellige Spannung auf, die man zu Beginn des Buches kaum wahrnimmt und die wie ein Sturm mit einem leisen Donnern in der Ferne beginnt, dann tost und tobt, so vieles zerstört und in Stille endet.

 

Ich liebe die Charaktere im Buch, weil sie echt sind. Sie sind nicht perfekt, sie sind aber auch nicht übertrieben unsicher oder kindlich. Es sind Menschen, wie Du und ich, mit all ihrem Leid und ihrem ganzen Leben. Besonders gefallen hat mir Chloe, ein Mädchen, das erst im Verlauf der Geschichte auftaucht. Chloe ist wie ein Zirkus, eine Scheinwelt, der man misstraut, die einem manchmal Angst macht, ja, und die doch irgendwie Publikumsliebling wird. Ich habe, während ich sie im Buch kennengelernt habe, eine seltsame Art von Sympathie für sie entwickelt. Es war eine Art Hassliebe, ich wollte sie nicht kennenlernen, aber ich konnte mich ihrer Magie nicht entziehen. Sie hinterließ einen bittersüßen Nachgeschmack bei mir, wie wenn man aus der Ferne ein Kind beobachtet, das nicht das eigene ist. Und irgendwie ist man von diesem Kind berührt, als es weint, weil die Eltern sich grob verhalten und schämt sich insgeheim, diese eigentlich so private Szene beobachtet zu haben. 

 

Hach, ich muss mich zügeln, aber es gibt noch etwas, das unglaublich wichtig ist: Die Sage, die den Strand aus einem wundervollen, sonnendurchfluteten Moment heraus in ein tosendes Ungeheuer verwandelt. Ich will euch dazu nicht mehr verraten, denn jedes Wort mehr würde spoilern, aber mich hat diese gesamte Verflechtung total fasziniert.

 

Als ich bei der Lit.Love in München Gelegenheit bekam, mit der sympathischen, 23jährigen Autorin Ulla Scheler (Bild rechts) zu sprechen, habe ich ihr eine Frage gestellt, die mir sehr am Herzen lag:

Die Frage, wie sie auf die Sage kam und wie die Idee entstanden ist, das alles so besonders, wie sie es tut, miteinander zu verweben. Und die Antwort ist verblüffend, denn die Idee für dieses zusätzliche Element kam ihr erst im Nachhinein und sie hat sie in der Überarbeitung des Buches eingewoben. Umso faszinierender ist es für mich, wie stimmig, wie rund die gesamte Geschichte geworden ist und wie sehr sie einen in einen Strudel reißt und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Dieses Buch grenzt für mich fast schon an einen Genremix, denn es hat allemal Thriller- und Fantasy-Elemente. Es ist dramatisch, romantisch, humorvoll und so facettenreich, das ich mir nicht erlauben würde, es einfach in eine Schublade zu stecken. Es ist für mich etwas ganz besonderes und ich bin total glücklich, es nun persönlich signiert im Regal stehen zu haben, wie die Erinnerung an liebgewonnene Menschen in einem Fotoalbum, abgerundet durch eine tolle Erinnerung an eine wahnsinnig schöne Begegnung mit der Autorin in München. 

 

 

 

„Und der Sinn des Lebens? Ein Leben, das wächst und sich verändert. Man muss keine Angst vor Fragezeichen haben, nur vor Punkten.“

(Zitat Kapitel 32, Pos. 4337)

 

Mein Fazit 

„Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen“ ist sicher eines der beeindruckendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Weil es keinen literarisch hohen Anspruch hat und doch so tiefgründig und manchmal poetisch ist, ohne aber in der Sprache ausschweifend zu werden. Ich liebe Ulla Schelers Stil und habe mir deshalb sofort auch ihr neues Buch, „Und wenn die Welt verbrennt“, mitgenommen, ohne den Klappentext vorher zu lesen. Das allein soll Ausdruck sein, wie sehr ich mich in Hannas und Bens Geschichte verloren habe und wie sehr ich es mir wünsche, mich in einer anderen wiederzufinden.

Absolut verdiente 🍀🍀🍀🍀🍀 (5 von 5 Kleeblättern) und die Kategorie Herzensbuch obendrauf von mir!  

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