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Ein Weihnachtsbeitrag, ein Jahresrückblick, ein Nachruf: Krebs aus Sicht einer Tochter

22.12.2017

 

​Dies ist die Geschichte eines Kampfes, der tödlich endete. 

 

Es ist der wohl persönlichste Blogbeitrag, den ich bislang verfasst habe. Aber ich tue es, denn ich will, dass jeder Mensch auf der Welt die Chance hat, zu wissen, dass er nicht alleine ist. Es gibt so viel Leid auf der Welt und jedes für sich ist ein Kampf, der Kampf eines Menschen. Und nein, es geht nicht um ein "ich verstehe Dich". Keiner kann einen anderen verstehen, denn so unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich leiden wir auch. Ich für meinen Teil habe still gelitten, mich zurückgezogen, meine Wunden geleckt. Und jetzt will ich es euch erzählen, weil ich jedem, der auch still leidet, zeigen will, dass es besser wird mit der Zeit. Auch ihr werdet euren Weg finden, und wenn es noch so schwer ist.

Das Jahr 2017 war für mich eine harte Probe, wie sehr ich es schaffe, mein Lächeln zu bewahren. Es gab Zeiten, da habe ich es verloren und ich musste hart kämpfen, es wiederzufinden. Das echte Lächeln, nicht das aufgesetzte. Seit 5 Jahren bereits war meine Mutter an Krebs erkrankt. Es fing an mit Darmkrebs, dann Metastasen in Leber und Knochen. Sie wurde von Jahr zu Jahr schwächer, hatte aufgrund von Metastasen Knochenbrüche und musste im Januar 2017 schließlich in ein Pflegeheim umziehen. Dann erreichte mich im Mai die Nachricht, dass mein Vater ebenfalls an Krebs leidet, Lymphdrüsenkrebs. Da er schon Jahrzehnte im Rollstuhl sitzt, hat ihm die Chemo ein Leben alleine unmöglich gemacht und auch er musste in ein Pflegeheim - getrennt von meiner Mutter, sie lebten schon lange nicht mehr zusammen.

 

Anstatt zu trauern und seine Angst zu verarbeiten, hat man als Angehöriger unzählige Pflichten und Aufgaben. Auch wenn ich sie mit meinem Bruder aufteilen konnte, war es unendlich viel. Einen Pflegeplatz zu suchen, an dem sich der Elternteil wohlfühlen kann und der bezahlbar ist. Wohnungen auflösen, Verträge kündigen, Rathausbesuche, Vollmachten und Patientenverfügungen regeln. Bei der Pflegekasse den Pflegegrad beantragen, Pflegemittel wie Weichlagerungsmatratzen, Arztgespräche führen. Nebenbei hat man sein eigenes Leben, einen Job, einen Haushalt. Für mich selbst blieb dieses Jahr nicht viel Zeit. Doch die schwerste Aufgabe daran war wohl die mentale Herausforderung, in den Sachen meiner Eltern zu wühlen und gefühlt ihr Leben auseinanderzunehmen, als sei es wertlos gewesen. Ich stieß auf Dinge, die ich selbst als Kind gebastelt habe, die wohl für jeden anderen Menschen auch wertlos sind. Mich brachte es zum weinen, dass sie all die Jahre überlebt hatten. Ich fand Fotos, Briefe, Karten, Tagebücher,... Derart die Privatsphäre eines lieben Menschen zu verletzen ist grausamer, als man es sich vorstellen kann. Doch im Pflegeheim ist nicht viel Platz, da musste vieles weichen. Ich habe Listen mit meinen Eltern erstellt, welche Dinge ihnen besonders am Herzen liegen, von denen ich vielleicht auch nicht weiß. Die Möbel konnten wir größtenteils spenden oder für kleines Geld verkaufen. Die Klamotten, die nicht mehr passten, kamen in die Altkleidersammlung. Der Rest landete auf dem Müll.

 

Feierabend war monatelang nur der Start in einen Nebenjob als Verwalter. Das hinterließ Spuren, ich hatte mich selbst nicht mehr so im Griff, wie gewohnt und habe wohl mitunter auch dadurch eine berufliche Hürde nicht schaffen können, ich habe versagt, das zog mich noch mehr runter. Auch das Bloggen kam kürzer, die Kraft fehlte mir. Mein Vater machte sich mit der Chemo ganz gut, doch meiner Mutter ging es sukzessive immer schlechter. Sie hatte keine Kraft mehr, aufzustehen, hat angefangen aufzugeben. Es ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Denn solange man einen geliebten Menschen zu Ärzten fahren kann, Therapien suchen, sich um Pflege kümmern, solange hat man das Gefühl, man hilft. Wenn ein Mensch sich aufgibt, ist man machtlos. Diese Machtlosigkeit äußert sich in Wut, Trauer, blindem Aktionismus, sie hat viele Gesichter. Überwiegt hat wohl die Verzweiflung. Meine Mutter so zu sehen, so schwach und so wenig sie selbst... der Krebs hat ihr sogar noch die Sehkraft geraubt, sie wusste nicht mehr, wer den Raum betritt und war völlig orientierungslos. Und bei alledem hatte sie doch noch erhebliche Angst, zu sterben, die ihr weder wir noch ein Hospizbesuchsdienst nehmen konnten. Als ich meine Mutter das letzte Mal besuchte, war sie auch geistig nicht mehr sie selbst. An diesem Tag fuhr ich nach Hause und habe die Fahrt über geweint, weil ich realisiert habe, dass meine Mutter nie wieder meine Mutter sein würde, wie ich sie kannte. 

 

Am 23.10.2017 starb meine Mutter mit 57 Jahren, während ich im Urlaub war. ​​Der Gedanke, dass sie das so wollte, dass ich nicht da bin, um mich zu schützen, hilft mir ein wenig. Ich wäre wohl kaum am Tag vorher zu ihr gefahren, um mich zu verabschieden. Es hätte nichts geändert, wenn ich zuhause gewesen wäre. Stattdessen half mir der Blick aufs Meer, jeder Träne eine Botschaft mitzugeben. Mit jeder Träne floss ein Abschiedsgruß auf die Erde, damit er in der Sonne verdunsten und gen Himmel fliegen konnte, zu meiner Mutter. Vieles tat mir leid, vieles habe ich betrauert, doch für vieles war ich auch dankbar. 

 

Aus dem Urlaub zurückzukommen und zu wissen, wir landen in einem Deutschland, in dem es meine Mutter nicht mehr gibt, hat wehgetan. Alles hat wehgetan. Atmen, leben, Auto fahren. Die Beerdigung war unglaublich schwer und die Leere danach habe ich kaum ausgehalten. Ich habe angefangen, deutlich mehr Sport zu machen. Das mache ich bis heute, es hilft mir, zu verarbeiten und das Gefühl zu haben, dass ich endlich wieder für mich selbst lebe. 

Jetzt ist es da, das erste Weihnachten ohne meine Mutter. Ich versuche, mich an schönen Erinnerungen festzuhalten, an glückliche Zeiten, am Lächeln meiner Mutter, dass sie trug, als ich klein war. Wie sie mir Tierkinder zeigte, sich zu mir ans Bett setzte, mit mir malte oder wie wir gemeinsam Kuchen und Plätzchen gebacken haben. Nach diesem kräftezehrenden Jahr ist das alles noch schwerer. Doch Weihnachten ist nicht umsonst das Fest der Hoffnung, des Lichts und der Liebe. Ich möchte der Wärme Raum geben und sie tief in mir aufsaugen, damit sie mich trägt. Silvester wirkt wie ein Versprechen, ein Versprechen, dass dieses Jahr 2017 vorbei ist und nicht wieder kommt. Es werden neue Kämpfe kommen, da mache ich mir nichts vor. Aber vielleicht ist 2018 etwas gnädiger und gibt mir Zeit, Kraft zu tanken. 

 

Egal, wie euer Kampf 2017 aussah, ob es einer oder gar mehrer waren: Vergesst nie, dass ihr nicht alleine seid. Mein Mann, mein Bruder, mein Onkel, enge Freunde und sogar ein paar liebe Autoren und Kollegen, mit denen ich mittlerweile befreundet bin, haben mir zugehört, wenn ich reden wollte und es akzeptiert, wenn ich meine Ruhe wollte. Sie boten Hilfe an ohne sich aufzudrängen. Ich kann das wohl nie im Leben zurückgeben, echte Freundschaft rechnet zum Glück nicht auf. Umso dankbarer bin ich für diese große Liebe, die ich spüren durfte.

Ich wünsche euch, dass es euch niemals anders gehen möge, wenn ihr eine schwere Zeit habt. Ich wünsche euch ein frohes Fest mit tollen Menschen und von Herzen alles Gute in 2018. Passt auf euch auf!  

 

 

 

 

 

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